"Ich wollte nie in einer Praxis arbeiten..."
- Sag niemals "nie"!
Meine Ergotherapieausbildung an der Ergodia habe ich von September 2006 bis August 2009 absolviert. Praktika machte ich im christlichen MENGO Krankenhaus in Kampala/Uganda, in den Zittauer Werkstätten der Lebenshilfe e.V., im sozialtherapeutischen Wohnheim für chronisch psychisch Kranke des ASB in Obercunnersdorf und im AWO Altenpflegewohnheim am Grünen Ring in Zittau.
Durch Berichte einiger Klassenkameraden, die in ambulanten Praxen Praktikum machten, entstand bei mir der Eindruck, dass es wohl ziemlich stressig, hektisch und negativ sein soll, in einer Praxis zu arbeiten. Mir kam es für den Klientenbericht auch vorteilhafter vor, wenn man die Personen, über die man schreibt, eine längere Zeit am Tag vor sich hat, anstatt bloß 30-45 Minuten (in der Praxis) im Vergleich zu fast einem ganzen Tag (in einer Wohn-/Arbeitseinrichtung). Von Freunden, die in einer Praxis anfingen, hörte ich auch, wie sehr man sich am Anfang so durchbeißen müsste, wie frustrierend es für einzelne war usw. Und so kam ich zu dem Fazit: Ich will nie in einer Praxis arbeiten… ohne dass ich mir jemals eigentlich mal einen eigenen Eindruck davon machen konnte.
Drei Jahre klingen lange und doch gingen sie schnell vorbei.
Ich wäre gerne in Zittau geblieben, weil mir die Stadt wirklich ans Herz gewachsen ist. (Ursprünglich bin ich in Hessen geboren, aber in Niederbayern aufgewachsen.) Die Mehrheit meiner Bewerbungen gingen an Einrichtungen, wie Altenheime, Wohngemeinschaften usw. und natürlich nicht an Praxen. J U.a. setzte ich mein Profil auch in eine christliche Stellenbörse , die sich melden würde, wenn jemand eine Ergotherapeutin sucht. Dass das meine erste und erfolgreichste Bewerbung und zukünftige Stelle werden würde, das hätte ich nicht gedacht. Anfang 2009 hatte ich mein Gesuch aufgegeben, im April kam die Anfrage für eine Ergotherapeutin für eine christliche Ergotherapiepraxis und im Mai fuhr ich für 3 Tage nach Creglingen zu Kennenlern-Tagen. Die Kommunikation mit dem Chef war von Anfang an gut, das Team klein und überschaubar, eine Wohnung wurde mir und meinem Mann mit angeboten… kurz und gut: Im Großen und Ganzen passte eigentlich alles. Auf meine über 40 anderen Bewerbungen bekam ich entweder Absagen oder meistens erst gar keine Antwort. So war bald ziemlich klar: Es geht nach Creglingen! Sachsenland – adé!
Auf die Arbeit, fertig, los!
Mitte September begann ich dann schon mit der Arbeit bzw. mit dem Einarbeiten. Ich hatte 1 Woche Zeit erstmal bei meinem Chef und meinen Kolleginnen zu hospitieren, Materialien und Möglichkeiten in den Praxen zu sichten, Fragen zu stellen usw. Und dann musste, durfte ich selbst ran: Urlaubs – und Krankheitsvertretung, dann Übernahme der Patienten der Kollegin, die in Mutterschaftsurlaub ging. Ziemlich bald merkte ich, dass die Arbeit in der Praxis alles andere als negativ ist, so wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Hier mal ein Versuch der Zusammenfassung und Gegenüberstellung der Vor – und Nachteile, meiner Meinung nach:
Vorteile:
- man kann sich selbstständig und flexibel seinen Tag und seine Patienten planen (z.B. hat man einen Arzttermin, verschiebt man die Termine so, dass man dafür Zeit hat… anstatt vielleicht einen ganzen Tag Urlaub nehmen zu müssen)
- man kann sich total ausprobieren, experimentieren (was man niemals dem Patienten bzw. den Eltern so sagen darf!)
- man hat nicht nur ein bestimmtes Klientel, sondern Abwechslung: Alt bis jung, alle möglichen Krankheitsbilder, Hausbesuche usw.
- speziell in unseren Praxen sehe ich v.a. diesen großen Pluspunkt: Wir sind eine christliche Praxis, d.h. wir Mitarbeiter glauben alle daran, dass Jesus lebt, leben in einer alltäglichen Beziehung und im Austausch mit ihm, wissen, dass wir nicht alles können und wissen und dass IHM alle Dinge aber möglich sind; so können wir unseren Patienten auch Gebet und Gespräche anbieten, Patienten nicht nur von der physischen Seite her behandelnd, sondern ganzheitlich – Körper, Geist & Seele; und zu wissen, dass wir als Team miteinander für Gott, für die Patienten arbeiten und nicht gegeneinander (Karriere, Wettbewerb & Co.) – das entspannt total und entlastet sehr!
Nachteile:
- wenn man ein Teammensch ist und nicht gerne Einzelkämpfer – wie man es in der Praxis meist ist bzw. sich so fühlen kann – ist, dann kann es in der Praxis ganz schön anstrengend werden: Man kann sich zwar in der Praxis im Team austauschen, um Hilfe/Rat bitten usw., letzten Endes ist man für seine Patienten aber selbst zuständig
- die Arbeitslage in der Praxis hängt natürlich auch ziemlich von den Heilmittel verschreibenden Ärzten, deren Budgets und den Krankenkassen – also dem Gesundheitssystem – ab… und das sieht natürlich rein menschlich nicht immer so rosig aus
… ja, Vor – und Nachteile hängen einfach auch immer ganz subjektiv vom Betrachter ab. Deshalb kann ich nur sagen: Mach dir selbst ein Bild bevor du urteilst und bedenke, dass Berichte anderer nie rein objektiv sind.
Arbeitsalltag
So gut mir meine Arbeit auch gefällt… manchmal gibt es Tage, da wünsche ich mir, dass „Frau/Herr/Kind XY“ absagt und manchmal gibt es Tage und Patienten, mit denen ich gerne den ganzen Tag was machen wollte. Es gibt volle Wochen und leere Wochen, erfolgreiche Tage und hoffnungslos scheinende Fälle von Patienten.
Meist bin ich nach einem Arbeitstag nicht mehr wahnsinnig aufnahmefähig für „Fachliches“… mein Gewissen sagt mir zwar „Du solltest noch dies und das lesen, was raus schreiben etc.“, aber irgendwann muss man auch mal von der Arbeit ganz abschalten – gerade weil man ganz viel Energien und Aufwand täglich versprüht und in die Patienten investiert und ja nicht selbst ausbrennen sollte – sonst: Therapeut „futsch“.
Spannend ist es auch, wenn man mal dem Praxisalltag entfliehen und auf Fortbildungen gehen kann. So bekommt man mal wieder neue, alte Impulse aufgefrischt und neue Motivation zum Arbeiten bzw. als Anfänger findet man/frau auch heraus, welche Richtung in der Ergotherapie einem vielleicht auch zusagt. Auch da sind Theorie und Praxis zwei Paar Schuhe.
Ich merke zum Beispiel, dass ich mich gerne in Richtung Verhaltenstherapie und – training, sowie Elternberatung/-integration fortbilden möchte. Natürlich hängt es auch immer davon ab, was so in der jeweiligen Praxis an Hauptklientel ist – bei uns hauptsächlich Neurologie/Geriatrie (viele Hausbesuche mit Apoplex-Patienten), dann Pädiatrie (Kinder mit Entwicklungsverzögerung, LRS, AD[H]S, Verhaltensprobleme usw.) und der letzte kleinere Block motorisch-funktionelle Patienten.
Fazit: Jeder muss einfach selbst herausfinden, was für ein Typ man ist und dann daraus folgernd, welche Einrichtung/welcher Arbeitsplatz zu einem passt. Dazu muss man einfach verschiedenste Erfahrungen sammeln, möglichst offen sein und bleiben… und dann kann man eigentlich nicht so sehr falsch liegen. Und dass es keinen erfüllenden, perfekten Traumjob oder Arbeitsplatz gibt, dass ist wohl auch klar. Denn nichts und niemand ist perfekt.